Jeden Abend einen Eierlikör

«Wie wäre ich froh Euch alle tatsächlich so zu umarmen, wie ich es hier in Gedanken tue».

Vor 150 Jahren waren handgeschriebene Briefe die Short Messages, Tweets und Instagram-Stories von heute. Man will sein Umfeld am eigenen – mehr oder weniger schicksalhaften – Leben teilhaben lassen.

So auch der frisch in die Schweiz internierte französische Soldat Émile Bellenger im Jahre 1871: «Hier bin ich endlich, einen grossen Teil der Kriegsnöte losgeworden. Wir haben gestern die Schweizer Grenze überschritten und sind nun vor preussischen Kugeln sicher», schreibt Émile seiner Familie am 4. Februar.

Gepflegt werden die Soldaten von Zivilpersonen und dem Roten Kreuz. «Ich bin ein wenig krank und befinde mich im Augenblick in der Ambulance des terreaux in Neuchâtel [...] ich glaube, ich habe eine Bronchitis und bin ein bisschen erschöpft [...] Gott sei Dank mangelt es in der Schweiz nicht an Pflege, alle Damen, alle Mädchen wetteifern um Hingabe und Nächstenliebe miteinander», berichtet Émile ein paar Tage später.

Nach seiner Genesung kommt er in die Obhut der Familie Petitpierre in Neuchâtel: «Was für eine gute Gastfreundschaft habe ich bei Herrn Petitpierre gefunden, sie behandeln mich als Kind des Hauses; jeden Morgen bringen sie mir eine gute Schokolade, jeden Abend einen Eierlikör und tagsüber 3 oder 4 Mahlzeiten».

Nach sechs Wochen verlassen die internierten Soldaten die Schweiz Richtung Heimat. Kurz davor schreibt Émile seinen letzten Brief nach Frankreich. Ob Émile auch einen Brief zurück in die Schweiz, zur Familie Petitpierre, gesandt hat? Dem Brief vom 2. März an seine Schwester ist seine Dankbarkeit offenkundig zu entnehmen: «Ich werde mein Elend vergessen können, aber nie wüsste ich die Dankbarkeit zu vergessen, die ich den Schweizern schulde.» Eines ist sicher: Wir lauschten ihm gerne.

PS: Von Marie Pierre René Émile Bellenger liegen dem Bourbaki Panorama fünf Briefe vor, die uns sein Ur-Ur-Enkel Rémy Bellenger aus Paris zur Verfügung gestellt hat.

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